Tango Skulpturen

Die figürlichen Keramikskulpturen stellen Paare von Tangotänzern dar. Die Körperlichkeit ist gut erkennbar, die Anspannung der Muskeln und die Beugung der Knie förmlich zu spüren, die Bewegtheit und der Rhythmus nachzuempfinden. Gleichzeitig wirken die Skulpturen abstrahierend: die Figuren sind nie als ganze Körper zu sehen, werden nicht zu Individuen, bleiben immer Torsi und sind in komplexem Zusammenspiel skulptural miteinander verknüpft.

Die Tonröhren, aus denen die tanzenden Körpertorsi bestehen, werden in schneller Bewegung zu Figurengruppen zusammengefügt. Das Material Ton für solche Skulpturen zu verwenden, ist mutig, ja geradezu verwegen: Zunächst wird es weich und beweglich verarbeitet, in der Hitze des Ofens wird es noch weicher, bevor es fertig gebrannt ist und erhärtet. Die Skulpturen müssen sich also in ihren Einzelteilen so zueinander verhalten und so miteinander verarbeitet werden, dass sie auch im Ofen ihre Balance halten können und nicht umfallen oder reißen.

Die fertigen Skulpturen bilden einen erstarrten Moment ab. Die Keramiken, die in ihrem endgültigen Aussehen in festem Material verharren, nehmen dennoch das Thema Bewegung und Rhythmus auf. Im Tango bewegen sich die Paare permanent, spontan und nicht in vorgegebenen Figurenformationen, sondern intuitiv und im Dialog miteinander. In den fertig gebrannten Skulpturen wird der eine Augenblick erfasst, die eine zufällige Konstellation der Beine und der Wirbelsäulen, das Zusammenspiel der einzelnen Körperteile bei labiler Bewahrung des Gleichgewichts.

Warum Tango Argentino? Guido Kratz verbindet hier seine persönliche Vorliebe für diesen Tanz und seine körperliche Erfahrung mit seiner ureigenen künstlerischen Ausdrucksweise und dem ihm vertrauten Material des Tons.

In der Komposition der Figuren durch abstrahierte, entindividualisierte fast maschinell anmutende Tonröhren wird dennoch das Miteinander von Frau und Mann, wird eine gewisse Erotik spürbar – die auch dem Tango eigen ist.

Der gesamte Herstellungsprozess wird so zu einem spannungsvollen Umgang mit den Themen Bewegung – Erstarrung, Figur – Abstraktion, Balance – Dysbalance, Spiel und Experiment – Wissen und Erfahrung, Maschine – Körper.

Text von Carmen Putschky >>>