„Ist es ein Berg, den wir besteigen oder legen wir Samen in die Erde, damit ein Baum wachsen kann?“

Dies ist ein Bericht über einen Netzwerkbild-Workshop, den ich im Rahmen der Friedensarbeit von “Friendship Across Borders e.V.” gegeben habe.

“Der erste wirkliche „Durchbruch“ auf eine andere Ebene, gelang mit der Erstellung eines keramischen „Netzwerkbildes“. Das Bild sollte nicht nur unseren Gruppenprozess in Gang bringen, sondern auch ein Symbol für FAB’s Programm werden.

Netzwerkbild-Workshop von Guido Kratz aus Hannover mit "Frienship Across Borders e.V." Das NetzwerkbildIn dieser Arbeit werden Kacheln individuell bemalt und danach in einem gemeinsamen Prozess zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt. Das Ganze symbolisiert durch seine einzelnen, individuellen Teile ein Bild vom gegenwärtigen Zustand der Gesamtgruppe bzw. der Organisation. Um eine sinnvolle Zusammensetzung des Bildes zu finden, werden die Teilnehmer gebeten den Platz im Raum einzunehmen, der nach ihrem Empfinden die richtige Position ihrer bemalten Kacheln im Gesamtbild repräsentiert.

Tatsächlich gestaltete sich nach einigen Bewegungen ein Bild, das der Idee von „Friendship Across Borders“ (Freundschaft über Grenzen) perfekt entsprach. Ohne individuelle Absprachen hat eine Gruppe aus Deutschen, Israelis und Palästinensern in einem Prozess kollektiver Weisheit genau das aufgenommen und ausgedrückt, was FAB’s Anliegen ist: „Der dunklen Spirale der Gewalt im Nahost Konflikt eine lichtvolle Spirale aus Anerkennung und Vertrauen entgegenzusetzen“.

Doch so einfach wie es klingt, war dieser Prozess nicht!

Als klar wurde, dass dieses Werk eine Spitze hat und einen breiten Rumpf, stand die Frage im Raum, was nun oben und unten sei. Wie es aufgehängt werden soll, damit es FAB’s Idee am Besten wiedergibt. Die einen argumentierten, die so genannte Spitze müsste oben sein, denn es sei die Spitze eines Berges, den wir gemeinsam erklimmen wollten. Die anderen sagten, nein, dies ist ein Baum, und somit müsse die Spitze als die Wurzel gesehen werden und deshalb unten sein. Denn mit unserer Arbeit legen wir den Samen eines Baumes in die Erde, der Rumpf im Bild symbolisiert das Blätterdach, unter dem alle Platz haben. Da keine Einigung erzielt werden konnte, beschlossen einige das Ganze quer zu legen und als Fluss zu betrachten. Es war das Signal für einen Palästinenser zu behaupten, dies sei nun das Bild einer Pistole und könne somit nicht als Symbol für FAB dienen.

Die Diskussion wurde damit sehr persönlich und die Behauptungen und Meinungen gingen weit auseinander. Mit einem Mal ging es nicht mehr um das Bild und wie wir es aufhängen wollten, es ging um Israel und Palästina. Die Deutschen mischten nun mit und wurden aufgefordert parteiisch zu werden. Sie sagten ebenfalls die Spitze gehöre nach oben, denn FAB bildet mit seinen Programmen eine Pyramide. Der ganze Raum war in Bewegung und das Bild wurde immer mehr zum politischen Objekt.

Plötzlich teilte sich die Gruppe, die meisten Teilnehmer standen an der Spitze, da sie sagten, dies sei eine Pyramide bzw. ein Berg. Einige wenige, die es als einen Baum bezeichneten, standen unten.

Einer davon war der Palästinenser Khalil. Fast drohend erwartete er von uns allen eine definitive Entscheidung und zwar für seine Ansicht, da er sich sonst nicht gesehen fühlte. Es wurde laut und hektisch zwischen uns.

Da standen nun auf der einen Seite des Bildes die Israelis mit fast allen Deutschen und auf der anderen Seite ein paar Palästinenser, jedoch nicht alle. Die Deutschen wurden daraufhin schwach und wollten die Palästinenser nicht im Stich lassen. Daran entzündete sich eine erneute Diskussion. Eine Deutsche verließ aufgelöst und weinend das Szenario, sie konnte diesen Streit nicht aushalten. Ein Israeli holte sie zurück.

Was sollte das Bild nun sein, eine Pyramide, ein Berg, den wir gemeinsam erklimmen wollten, ein Fluss oder ein Baum, dessen Samen wir bereits in den Boden gelegt haben? Wie wollten wir es aufhängen?

Die ganze Tragik des Nahost Konfliktes zeigte sich genauso wie die Rolle, welche die Deutschen bzw. die Europäer dabei spielen. Die Deutschen wollten sich auf gar keinen Fall den Vorwurf gefallen lassen, aus Schuldgefühlen bei den Israelis zu stehen, was sie aber de facto taten. Die Israelis, die sich von den Palästinensern bedrängt fühlten, wollten ihnen nicht einfach Recht geben. Die Palästinenser behaupteten hartnäckig, nur ihre Sicht sei die richtige, und sollten wir nicht mit ihrer Sichtweise einverstanden sein, würden wir den ganzen Versöhnungsprozess gefährden. Sie gaben zu verstehen, sehr oft nachgegeben zu haben und das wollten sie jetzt nicht mehr tun.

Es herrschte Ratlosigkeit und Frustration. Manche wollten aufgeben und sahen darin überhaupt keinen Sinn. Doch andere kämpften weiter. Da kam eine Deutsche auf die Idee, das Bild sollte nicht aufgehängt werden, sondern wir wollten es einmal, zur gegebenen Zeit, in den Boden einlassen. So könne es sowohl von oben, als auch von unten und von der Seite akzeptiert werden.

Alle atmeten auf – das ist es! Abgekämpft stimmten dem alle zu, und keiner hatte sein Gesicht verloren.

Für dieses Bild, das uns zum ersten Mal in diesen Tagen gezwungen hatte „Durch die Augen des Anderen zu sehen“ und wahrzunehmen, wie wichtig es ist, in der eigenen Wahrheit gehört und akzeptiert zu werden, gibt es heute noch keinen geeigneten Ort. FAB ist am Beginn eines langen Weges und auch dies drückt das Bild symbolisch aus. Am Ende dieses Weges steht die Liebe und die Wahrheit wie sie jede Nation für sich braucht. Liebe und Wahrheit ist zugleich auch der Same mit der unser Weg begann. So sind diese Werte das große Ziel das wir ansteuern und zugleich der Ausgangspunkt für unsere Arbeit.

Mit diesem Keramik-Netzwerkbild ist uns ein eindrückliches Symbol für die Arbeit von FAB gelungen. Wir hoffen für dieses Bild finden sich Sponsoren, die unsere Arbeit berührt und die uns helfen, Büros in Ramallah und in Jerusalem zu finanzieren. Dann wird einmal das Bild nach oben zeigen und einmal nach unten, genauso wie sich jede Nation es wünscht und braucht, um einander anerkennen zu können.

Es war wirklich so, am Ende dieses zweiten Tages im Seminar „Lass mich durch deine Augen sehen“ waren wir bereits emotional durchgeknetet worden und hatten teilweise unsere aufgesetzten Masken entfernt. Kopfschüttelnd sagten manche, wie können wir nur über so etwas Unwichtiges streiten und gleichzeitig war klar, wir sind inmitten einer wichtigen Beziehungsarbeit.”

Autorin: Brigitta Mahr, Gründungsmitglied im Verein „Friendship Across Borders-FAB“ e.V,
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