Wissenschaft als Kunst und Kunst als Forschung, Typ 5, die souveräne Organisation

Hier können Sie den Text von Prof. Dr. Rainer Zech lesen. Aus dem vorliegenden Text habe ich das Bild destilliert.

Typ 5: Die souveräne Organisation

Typ 5, "Die souveräne Organisation" von Guido Kratz aus HannoverDie souveräne Organisation arbeitet als Bildungsabteilung eines erfolgreichen Großbetriebes, woraus sich ein solides Selbstbewusstsein speist. Man kennt seinen Platz im Organigramm einer hierarchisch tief gestaffelten organisationalen Pyramide und handelt in Verantwortung für das Unternehmen und seine Beschäftigten. Als Abteilung eines großen Unternehmens in der Region fühlt man sich souverän im Sinne von »anderen überlegen«, aber man hat auch einen Souverän, und zwar den Unternehmensvorstand, dem gegenüber man seine Arbeit verantworten muss. Der Vorstand weist die Budgets zu, auf deren Basis man wirtschaften muss, und verlangt ein Reporting der erzielten Erfolge. Die Überlegenheit anderen gegenüber kommt auch in den Bildungszielen zum Ausdruck. Man strebt einen Lernerfolg an, der messbar besser ist als der Durchschnitt bei den anderen Unternehmen der Region. Das Bildungsziel ist eindeutig, die Zukunft des Unternehmens durch hochqualifiziertes Personal zu sichern. Dies ermöglicht die Konzentration auf die durch das Unternehmen zugewiesene Aufgabe der Qualifizierung, ohne wirklichem Wettbewerb ausgesetzt zu sein. Als Großunternehmen kann man sich bei der Anwerbung von auszubildendem Personal auf die Besten der jeweiligen Jahrgänge konzentrieren. Die Zukunft des eigenen Unternehmens steht bei der Bildungsarbeit fraglos im Mittelpunkt. Hier könnte auch zugleich die Grenze dieser Organisation markiert werden: Die ebenfalls beschriebene Verantwortung für die Gesellschaft insgesamt bezieht sich auf die Ausbildung einer Elite und wird sich im Zweifel betrieblichen Notwendigkeiten beugen müssen. Ein klares Bewusstsein als Organisation führt zum selbstverständlichen Einsatz von Managementinstrumenten, die auch im Einzelnen beschrieben werden. Man hat aber auch ein Bewusstsein darüber, dass Management und Bildung unterschiedliche Aufgaben sind. Für die Aus- und Weiterbildung hat man eine Sprache der pädagogischen Praxis. Die Spezialsemantik der Organisation ist dennoch insgesamt überwiegend unternehmerisch geprägt.

Auch wenn die soziale Seite des Lernens beachtet wird, geht es nicht um Bildung als Selbstzweck, sondern um die Qualifizierung von Personal für die Produktivität der Firma. Die Lernergebnisse sind nachgewiesenermaßen überdurchschnittlich; das Lernen wird professionell organisiert und begleitet. Die Lehr-Lern-Prozesse sind zielorientiert und zugleich selbstreflexiv und individuell ausgerichtet gestaltet. Möglicherweise gewinnt die Organisation ihre Souveränität in der Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse dadurch, dass ihr Auftraggeber und ihr Markt eindeutig definiert sind und auch die Ergebnisse ihres Handelns in diesem Kontext gut messbar sind.

Die souveräne Organisation fokussiert in ihrer Evaluation auf die zu erbringende Leistung. Dementsprechend geht es um Lernerfolg, Lerntransfer und Lernergebnisse. Die Evaluationsinstrumente sind vorwiegend gesprächsorientiert; ergänzend werden auch Instrumente eingesetzt, die die Anonymität wahren. Für die souveräne Organisation dient Evaluation nicht nur der kontinuierlichen Verbesserung, sondern auch der Entwicklung der Mitarbeitenden. Die einzelnen Lernenden als Individuen stehen im Mittelpunkt der Evaluation, und sobald Evaluationsergebnisse einen entsprechenden Bedarf anzeigen, erhalten die Lernenden individuelle Unterstützung. Auf diese Weise gewährleistet die souveräne Organisation herausragende Leistungen und sichert die Zukunftsfähigkeit der Organisation als Ganzes und der Lernenden selbst.

Die souveräne Organisation erreicht in ihrer Kundenkommunikation Maximalwerte in den Dimensionen differenzierter Kundenbegriff, Umfang der Betreuung und Dialogorientierung, da sie es mit internen Bezugsgruppen zu tun hat, nur bestimmte Ziele der Kundenkommunikation für sie relevant sind und von den aus- bzw. weitergebildeten Mitarbeitenden ein hohes dialogisches Engagement erwartet wird. Hohe Ausprägungen in den Dimensionen Beziehungsorientierung und Kreativität sind ebenfalls zu verzeichnen. Damit kontrastiert eine auffallend niedrige Strukturiertheit der Kundenkommunikation.

Das Steuerungsprinzip der souveränen Organisation ist hierarchisch. Die Organisationshierarchie des Gesamtunternehmens ist von einer Top-down-Liniensteuerung gekennzeichnet, in der die Bildungsabteilung ihren zugewiesenen Platz besitzt. Die Entscheidungswege und -befugnisse sind klar hierarchisch geregelt. Innerhalb der Bildungsabteilung werden aber durch Aufgaben- und Verantwortungsdelegationen Arbeitsverhältnisse mit weitreichenden Befugnissen der Beschäftigten realisiert. Es existieren klare Regeln, die vermittelt werden und von den Organisationsmitgliedern zu berücksichtigen sind. Das Controllingsystem ist umfassend und sehr detailliert. Die gebildeten Controlling-Dimensionen befinden sich allesamt auf hohem Niveau. Die Organisation ist am Markt etabliert und hat ihre Steuerungsaktivitäten konsequent auf die Erreichung der Unternehmensziele ausgerichtet.

Das Personalverständnis der souveränen Organisation fußt auf einem Menschenbild, das Individualität und Unterschiedlichkeit berücksichtigt. Die Beschäftigten werden als soziale Wesen angesehen, wobei sich die Sozialität allerdings auf ihre Berufsrolle beschränkt. Die Personalführung spricht die Mitarbeitenden als selbstverantwortlich an, die zu verantwortlichen eigenen Entscheidungen aufgerufen sind. Dabei müssen sie allerdings das Regelgefüge des Betriebes beachten. Auch das Personalmanagement steht im Dienst der Ziele des Gesamtunternehmens.

Quelle:
Rainer Zech, Claudia Dehn, Katia Tödt, Stefan Rädiker, Martin Mrugalla, Jürgen Schunter: Organisationen in der Weiterbildung – Selbstbeschreibungen und Fremdbeschreibungen. Wiesbaden 2010: VS-Verlag, S.245-254